Die Welt: Codename „Daniel“ – die Spur des Terrors führt ins Zentrum Europas
Es ist der frühe Nachmittag des 28. Juni 2018, als ein iranisch-belgisches Ehepaar sich mit einem Mietwagen ihren Weg durch die Innenstadt Luxemburgs bahnt. Sie parken und gehen zu Fuß an der Rue Aldringen vorbei in Richtung Grand Rue, um dann das Kaufhaus Alima zu betreten.
Was Nasimeh Naami und Amir Saadouni nicht wissen: Ihre Bewegungen werden akribisch von der Polizei überwacht. „Erst als sie das Kaufhaus Alima betreten, wird die Observationsgruppe aufmerksam auf einen dritten Mann, der sich schon seit einiger Zeit in der Umgebung von Saadouni und Naami aufgehalten hatte“, notiert der Beschattungsbericht. „Diese Person, die wir in diesem Bericht provisorisch „T3“ genannt haben, geht auch in das Kaufhaus Alima.“
Was die luxemburgischen Beamten dort beobachten, ist ein klandestines Treffen zur Übergabe einer Bombe, die zwei Tage später in Villepinte nördlich von Paris hochgehen soll. Ihr Ziel: Das Jahrestreffen des oppositionellen Nationalen Widerstandsrates des Iran, an dem in diesem Jahr etwa 25.000 Menschen teilnehmen, darunter auch viele bekannte internationale Persönlichkeiten und Politiker. Im Visier sind vor allem die Präsidentin des Nationalen Widerstandsrates, Maryam Rajavi, die auch die Volksmudschahedin, die dominierende Organisation des Widerstandsrates, anführt.
Das erste Mal steht ein Staat für einen Anschlag vor Gericht
Wenige Stunden vor dem Anschlag verhaften die belgischen Behörden Naami und Saadouni auf dem Weg nach Paris und konfiszieren die Bombe. Schon in den ersten Verhören packen die beiden aus. Laut Verhörprotokollen gibt Saadouni preis, wer der geheimnisvolle Kontaktmann „T3“ war, der ihnen in Luxemburg die Bombe übergab – mit 550 Gramm TAPT und einem separaten Fernzünder, den sie in Naamis Damenkulturbeutel versteckten.
Es handelt sich um den dritten Botschaftsrat der iranischen Vertretung in Wien, Assadollah Assadi, Codename „Daniel“. Er wird am nächsten Tag in Deutschland verhaftet und später, trotz iranischer Proteste, an Belgien ausgeliefert. Ein weiterer Mitverschwörer, Undercover-Agent Mehrdad Arefani, der die Volksmudschahedin unterwandert haben soll, um den Anschlag vorzubereiten, wird später von Frankreich an Belgien ausgeliefert.

Im Visier: Präsidentin des Nationalen Widerstandsrates, Maryam Rajavi
Quelle: AFP via Getty Images
Der Beginn des Terrorprozesses ist für den 27. November angesetzt. WELT hat vorab Einblick in Teile der Prozessakten erhalten, die verblüffende Details über die Anschlagsplanungen offenlegen. Und die zeigen, dass die Entscheidung für das, was möglicherweise einer der größte Terroranschläge der europäischen Geschichte gewesen wäre, bis ganz nach oben ins iranische Regime reicht. Die Anklage jedenfalls wurde inzwischen um einen Punkt erweitert. Die Angeklagten werden nicht mehr allein beschuldigt, einen terroristischen Mord geplant zu haben, sondern auch seit 2007 einer Terrorvereinigung anzugehören, nämlich dem berüchtigten iranischen Geheimdienst MOIS.
Es ist das erste Mal in Europa, dass ein ausländischer Staat für einen geplanten Terroranschlag enormen Ausmaßes verantwortlich gemacht und dafür vor Gericht gestellt wird. Der belgische Geheimdienst VSSE jedenfalls hat keinen Zweifel, wer hinter dem Plan steckte. In einem Schreiben an das Gericht in Antwerpen vom 18. Februar 2020 heißt es in knappen Worten: „Das Anschlagsprojekt wurde im Namen des Iran geplant und von ihm angetrieben. Es handelt sich nicht um eine private Initiative von Assadi.“
Das iranische Regime leugnet bis heute, für den Anschlagsversuch verantwortlich zu sein. Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif bezeichnete es nach den Festnahmen als „Falsche-Flagge-Operation“, also als Täuschungsmanöver der Volksmudschahedin, um Teheran anzuschwärzen. Ein iranischer Diplomat verquatschte sich jedoch später. In einem Interview mit der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur ISNA Anfang 2019 sagt Ali Majedi, zur Zeit der Verhaftung Assadis Botschafter in Deutschland, die Europäer hätten Dokumente über Assadi vorgelegt, „die wir schwer widerlegen können“ – und kritisierte „willkürliche Operationen“ der iranischen Dienste. Das Regime war so verärgert darüber, dass der Leiter der Nachrichtenagentur später zu Haft und Peitschenhieben verurteilt wurde, weil er angeblich Lügen verbreitet habe.
Tatsächlich gehen internationale Sicherheitsbehörden davon aus, dass die Entscheidung, Regimegegner in Europa zu töten und insbesondere gegen die Volksmudschahedin loszuschlagen, auf höchster Ebene getroffen wurde. Wie WELT aus westlichen Sicherheitskreisen erfuhr, wurde die Grundsatzentscheidung für Angriffe auf Regimegegner vom Nationalen Sicherheitsrat und von Revolutionsführer Ali Khamenei getroffen.
Die konkrete Anschlagsplanung für Paris wurde laut WELT-Informationen aus westlichen Sicherheitskreisen von Geheimdienstminister Mahmud Alawi sowie vom Chef der Sicherheitsabteilung (Abteilung 312) des MOIS, Said Haschemi, abgezeichnet. Nachdem die Pläne fehlschlugen, musste Haschemi seinen Hut nehmen, und es wurden auch Rufe laut, die den Rücktritt von Alawi forderten. Die Anführerin der Volksmudschahedin, Rajavi, präsentierte den belgischen Ermittlern wiederum Dokumente, die belegen sollen, dass Khamenei und der Nationale Sicherheitsrat den Anschlag von Paris ganz konkret abgesegnet haben.
Ein Offizier des Geheimdienstes mit diplomatischer Immunität
Der Diplomat Assadi war derjenige, bei dem die organisatorischen Fäden zusammenliefen. Der belgische Geheimdienst VSSE bezeichnet ihn in dem Schreiben an das Gericht vom 18. Februar 2020 als „operationellen Befehlshaber das Anschlagsprojekts auf die Jahreskonferenz der Volksmudschahedin in Villepinte“ und als „Offizier des iranischen Geheimdienstes MOIS, der unter dem Schutz diplomatischer Immunität aus der Botschaft des Iran in Wien operierte“. Assadi sei Mitglied der Abteilung 312 des MOIS gewesen, die von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, und habe als Offizier die Aufgabe gehabt, „menschliche Quellen zu führen“.
Tatsächlich fanden deutsche Sicherheitsbehörden handschriftliche Quittungen im Auto Assadis über Geldzahlungen an eine Reihe von Agenten. Darunter auch über 11.710 Euro, die Saadouni und Naami bei ihrem letzten Treffen in Luxemburg bekommen hatten: für dreiwöchige „geheime Aufklärungsarbeit“ – so die Einschätzung der Behörden – im Mai und Juni 2018 in Frankreich.
Wie die Prozessdokumente, die WELT vorliegen, zeigen, begannen die Planungen mindestens ein Jahr vor dem geplanten Attentat. Untersuchungen von Assadis Telefon durch die französischen Behörden ergaben, dass er schon im Juni 2017 die vorherige Jahreskonferenz des Nationalen Widerstandsrates und der Volksmudschahedin ausgekundschaftet hatte. Laut Mietwagenvertrag wurde er dabei von Mullah Mohammed Zaeri begleitet, der aus Teheran angereist war.

Irans Revolutionsführer Ali Khamenei
Quelle: AFP
Kurz vor der Konferenz von 2018 war es dann Assadis Agent Saadouni, der die Örtlichkeiten erneut besuchte und Fotos an Assadi schickte. Der Diplomat soll seit 2014 aus Wien Spionageaktionen des MOIS in Europa koordiniert haben, manche halten ihn gar für den Europa-Chef des MOIS.
Den Verhörprotokollen von Saadouni und Naami ist zu entnehmen, dass beide schon seit Jahren für das iranische Regime arbeiteten. Ihr Auftrag war, Informationen über die Volksmudschahedin zu beschaffen. Saadouni gibt an, 2012 oder 2013 das erste Mal vom Regime bezahlt worden zu sein, ab 2015 regelmäßig. Naami erklärte, Teheran habe Druck auf sie ausgeübt, weil ihr Vater schwer krank gewesen sei. Die Attentäter kommunizierten per SMS und E-Mail mit Assadi und trafen sich gelegentlich persönlich, etwa in Salzburg, Wien, Mailand, Venedig und zuletzt in Luxemburg.
Genaue Anweisungen an die Bombenleger
Etwa drei Monate vor dem geplanten Anschlag sei Assadi mit der Idee an sie herangetreten, einen „Apparat“ in der Konferenz der Volksmudschahedin zu platzieren. Das Vorhaben müsse aber noch mit Teheran abgesprochen werden, weil das Gerät noch getestet werden müsse, sagte Saadouni aus. Assadi habe sie glauben lassen, der Apparat werde nur viel Lärm machen, aber keine Menschenleben gefährden, behauptete Naami im Verhör.
Laut Aussage der belgischen Behörden wusste das Paar hingegen genau um die Gefährlichkeit der Bombe. In einem Untersuchungsbericht heißt es, der Sprengstoff reagiere „sehr empfindlich auf Wärme, Reibung oder Schocks“ und „die Bauart der Bombe ist sehr professionell“.
Im Auto von Führungsoffizier Assadi wurde ein rotes Notizbuch gefunden, das Anweisungen an die Bombenleger enthielt. Dazu gehörten Instruktionen über die Aktivierung und Detonation der Bombe und wie sich die Agenten nach dem Anschlag verhalten sollten. So solle das Ehepaar einige Monate lang nicht per Flugzeug reisen und wenn nötig besser ein Auto benutzen, zudem keine alten E-Mail-Adressen mehr verwenden, sondern neue einrichten.
In den Tagen nach der Bombenübergabe steht Assadi in ständigem Kontakt mit den Bombenlegern und will wissen, ob diese die Anweisungen befolgt haben. Am Nachmittag nach dem Treffen in Luxemburg schreibt Assadi an Saadouni, wenn es ihnen gelänge, die Bombe innerhalb des Konferenzraums zu platzieren, dann werde er persönlich zum „Agha“ gehen, um davon zu berichten. „Agha“ ist ein Ehrentitel, der vermutlich Revolutionsführer Khamenei meint.
Behörden konnten den Anschlag nur knapp verhindern
Oft verwenden die drei Verschwörer codierte Begriffe und tun so, als würden sie über Computerspiele auf einer Play-Station-Konsole reden. Assadi fragt am 29. Juli nach, ob seine Anweisungen zur Installation der Bombe umgesetzt wurden. Das Ehepaar antwortet zustimmend. Die „Play Station“ – die Bombe – sei aktiviert worden und die Verbindungen zum Fernsehen hergestellt, was offenbar meint, dass der Fernzünder verbunden wurde. „Onkel, wir werden den Pokal gewinnen“ heißt es im letzten SMS-Austausch, bevor Saadouni und Naami verhaftet werden.
Die Dokumente, die WELT vorliegen, lassen keinen Zweifel daran, dass die Behörden aus Frankreich, Belgien, Deutschland und Luxemburg, die eng kooperierten, einen Anschlag mit vielen Toten und Verletzten nur knapp verhindern konnten. Und die Prozessakten zeigen auch, dass es sich um einen lange und akribisch geplanten Akt staatlichen Terrors durch den Iran handelte.
Der zweite dieser Art in kurzer Folge, denn nur drei Monate vor dem geplanten Anschlag in Paris hatten die Behörden einen iranischen Autobombenanschlag auf ein Treffen der Volksmudschahedin in Albanien vereitelt, an dem ebenfalls Rajavi sowie der amerikanische Politiker Rudy Giuliani als Hauptredner teilnehmen sollten. Das Scheitern dieses Attentats war möglicherweise der Auslöser für das Regime, grünes Licht für Paris zu geben. Laut Saadouni erwähnte Assadi jedenfalls zum selben Zeitpunkt zum ersten Mal ihm gegenüber die Idee einer Bombe.
Wie diese nach Europa gelangte, ist unklar. Eine Liste des Bundeskriminalamtes über die Reisetätigkeit Assadis zeigt, dass er in den Monaten vor dem Anschlagsversuch, etwa ab März 2018, sehr viel häufiger nach Teheran reiste als früher. Die belgischen Behörden sind besonders interessiert an Assadis letztem Rückflug aus Teheran nach Wien mit der Flugnummer OS872 der Austrian Airlines am 22. Juni 2018.
Es besteht der Verdacht, dass Assadi die Bombe damals auf einem normalen Passagierflug im Diplomatengepäck nach Wien brachte. In einem Schreiben der österreichischen Behörden an die Ermittlungsbeamten in Belgien wird deutlich, dass die Grenzbeamten in Österreich bei der Einreise in Wien nur Assadis Pass und seine von Österreich ausgestellten Diplomatenpapiere kontrollierten, aber nicht sein Gepäck. Das übliche Prozedere bei Diplomaten.
„Das ist ein einzigartiger Fall. Zum ersten Mal steht ein amtierender Diplomat wegen terroristischer Akte in Europa vor Gericht“, sagt Mohammad Mohaddessin gegenüber WELT. Mohaddessin ist Leiter des außenpolitischen Ausschusses des Nationalen Widerstandsrates des Iran, der im Prozess als Nebenkläger auftritt. Er wirft Europa vor, das Problem nicht ernst genug genommen zu haben. „Jahrelang waren Diplomaten des iranischen Regimes involviert, Terrorakte allgemein und spezifisch gegen iranische Dissidenten vorzubereiten und durchzuführen, konnten aber der strafrechtlichen Verfolgung entkommen, vor allem wegen der EU-Politik des Appeasements“, kritisiert Mohaddessin.
Wird die EU nun schärfere Sanktionen verhängen?
Nun jedoch wurde ein iranischer Diplomat auf frischer Tat ertappt. Und weil der Fall in Belgien vor Gericht landet, hat er auch keinen Anspruch auf diplomatische Immunität. Das eröffnet die seltene Gelegenheit, Staatsterror durch den Iran tatsächlich gerichtlich aufzuklären und offenzulegen. Es setzt aber auch die EU unter Druck, sich nicht länger wegzuducken.
Nach dem vereitelten Anschlag hatte die EU den iranischen Geheimdienst MOIS sowie zwei seiner leitenden Funktionäre mit Sanktionen belegt. Angesichts der erdrückenden Beweise für staatlichen iranischen Terror, der offenbar aus Botschaften in der EU heraus organisiert wird, und vor dem Hintergrund der anhaltenden Bedrohungslage für iranische Dissidenten fordert der Nationale Widerstandsrat des Iran nun härtere Maßnahmen.
„Es ist Zeit für Europa, konkret und entschlossen zu handeln, indem es die Botschaften des iranischen Regimes schließt, all seine Agenten, die in Europa tätig sind, ausweist und die Revolutionsgarden zur Terrororganisation erklärt“, fordert Mohaddessin gegenüber WELT.
Es ist zumindest zu bezweifeln, dass sich Teheran von Morden an Oppositionellen im Ausland abbringen lässt, wenn die EU nicht schärfere Strafmaßnahmen verhängt.

Mitglieder der iranischen Widerstandsbewegung protestieren in Brüssel, nachdem bekannt wurde, dass ein Diplomat aus Teheran an dem geplanten Anschlag beteiligt gewesen sein soll
Quelle: OLIVIER HOSLET/EPA-EFE/Shutterstock
So wurde der iranische Regimekritiker Masoud Molavi Vardanjani noch im November 2019, also nach der Aufdeckung des Attentats von Paris, in Istanbul erschossen. Ein Anschlag, den westliche Sicherheitskreise ebenfalls dem Iran zuschreiben. Laut WELT-Informationen sind iranische Agenten auch weiterhin in wichtigen europäischen Städten präsent, in denen eine hohe Anzahl iranischer Dissidenten lebt. „Diese Geheimdienstelemente operieren in Europa unter diplomatischem Schutz, und sie arbeiten mit Helfershelfern und Netzwerken von lokalen Klienten zusammen, die oft aus Kriminellen bestehen“, so die Einschätzung westlicher Geheimdienstkreise. „Dutzende von Dissidenten, die in Europa leben, befinden sich in ihrem Visier.“
Bleibt abzuwarten, ob der Prozess in Antwerpen dazu führt, dass der Iran einen höheren Preis für seine Strategie zahlen muss – und in Zukunft davon Abstand nimmt, einen Anschlagsversuch wie in Paris noch einmal zu unternehmen.
Von Clemens Wergin
Chefkorrespondent Außenpolitik
