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Iran 07-04-2020

Die Welt ; Auf der Suche nach der iranischen Corona-Wahrheit

Die Welt ; Auf der Suche nach der iranischen Corona-Wahrheit

Die Zahl der Corona-Toten in Iran ist um ein Vielfaches höher, als die dortigen Behörden bisher zugegeben haben. Laut Informationen von WELT aus westlichen Sicherheitskreisen überschritt die Zahl der Todesopfer die 10.000er-Marke schon vor etwa zehn Tagen, als Iran offiziell etwas mehr als 2000 Tote gemeldet hatte, und war damit vier bis fünf Mal höher als damals vom Regime zugegeben.

Die aktuellen Zahlen liegen derzeit offiziell bei 55.743 Erkrankten und 3452 Toten. Die aktuelle Zahl der Todesopfer ist offenbar weit höher. Am Sonntag lag sie bei 12.380, wie westliche Sicherheitskreise berichten. Demnach haben innerhalb von nur zwei Wochen viele Tausend Iraner ihr Land verlassen, auch in Richtung Deutschland.

Die oppositionellen Volksmudschaheddin, Teil des Nationalen Widerstandsrats Iran, kommen auf eine noch höhere Zahl. Sie wollen bis zum 2. April schon mehr als 16.100 Tote in 237 Städten in ganz Iran gezählt haben. Besonders schwer betroffen sind demnach Teheran, Isfahan und die religiöse Hochburg Qom, die als Epizentrum der Coronakrise in Iran gilt.

Die Volksmudschaheddin sammeln laut eigenen Angaben Informationen aus Krankenhäusern, medizinischen Zentren, von Ärzten, Leichenschauhäusern und aus internen Berichten des Regimes, um das wahre Ausmaß der Corona-Krise im Land zu ermessen.

Die Organisation wurde wegen ihres militanten Widerstands gegen das Regime in Teheran früher von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft, jedoch 2009 von der EU und 2012 von der US-Regierung wieder von der Terrorliste genommen.

Unter Experten gibt es seit Langem Zweifel an den offiziellen iranischen Corona-Zahlen. Der regionale Notfalldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Rick Brennan, hatte Mitte März öffentlich gesagt, die echten Infektionszahlen in Iran lägen fünf Mal höher als die offiziell gemeldeten Fälle.

Brennan führte das darauf zurück, dass in Iran nicht umfangreich genug getestet werde und Tests nur vorgenommen würden, wenn Patienten schwere Corona-Symptome aufwiesen. Inzwischen wird jedoch immer deutlicher, dass die Machthaber in Teheran das Ausmaß der Krise offenbar aktiv vertuscht haben.

Die Regierung hatte immer beteuert, am 18. Februar von der ersten Corona-Infektion im Land erfahren und die Öffentlichkeit am Folgetag informiert zu haben. Laut medizinischen Berichten von Notfallambulanzen, die die Volksmudschaheddin laut eigenen Angaben aus dem Innern der iranischen Katastrophenschutzbehörde erhielten, gab es aber schon Ende Januar erste Krankheitsfälle, die die Charakteristika des Coronavirus aufwiesen. Die Dokumente wurden WELT im Original und in englischer Übersetzung zur Verfügung gestellt.

Am 25. Januar wurde demnach ein ausländischer Staatsbürger unter Coronaverdacht vom Flughafen Teheran in ein Krankenhaus der Hauptstadt gebracht. Drei Tage später wurden drei iranische Angestellte der chinesischen Botschaft mit Symptomen ins Masih-Daneschwar-Krankenhaus in Teheran eingeliefert. Sie gaben gegenüber dem medizinischen Personal an, dass auch ihre Kollegen an Corona erkrankt seien.

Einlieferungsdokumente in weiteren sieben Corona-Fällen datieren vom 31. Januar (ein Fall), 3. Februar (drei Fälle), 4. Februar (zwei Fälle) und vom 7. Februar (ein Fall). Bei einigen von ihnen handelt es sich um Iraner, die am Flughafen bei der Passkontrolle auffielen. Sowohl in diesen Fällen als auch denen an der chinesischen Botschaft ist schwer vorstellbar, dass die Behörden nicht davon informiert waren.

Den Anschein von Macht wahren

Es dauerte jedoch mehr als drei Wochen nach dem ersten von der iranischen Oppositionsgruppe dokumentierten Krankheitsfall, bevor das Regime offiziell erstmals eine Infektion im Land zugab. Und drei Wochen versäumtes Krisenmanagement sind bei den exponentiellen Ansteckungsraten des Coronavirus eine sehr lange Zeit.

Offenbar hatten die Mullahs die Wahrheit über den Ausbruch unter dem Deckel gehalten, um die Revolutionsfeierlichkeiten am 11. Februar und die Parlamentswahl am 21. Februar nicht zu stören. „Nach den Aufständen vom November 2019 und Januar 2020, die das Regime in seinen Grundfesten erschüttert haben, und nach der Ausschaltung des Terrorchefs Qassem Suleimani, hielten es die Mullahs für notwendig, den Anschein von Macht zu wahren“, schreibt Javad Dabiran vom Büro des Nationalen Widerstandsrates Iran in Berlin in einer E-Mail an WELT.

Nach vereinzelten Aussagen von Offiziellen und Krankenhausleitern in iranischen Medien hat das Regime die Revolutionsgarden damit beauftragt, die wahren Zahlen zu verschleiern. Unterstützt würden sie dabei vom Geheimdienstministerium, berichten die Volksmudschaheddin.

Es hat in den vergangenen Wochen immer wieder Berichte auch in westlichen Medien darüber gegeben, dass in Totenscheinen von Iranern, die am Coronavirus starben, andere Todesursachen aufgeführt wurden.

Nach WELT-Informationen hat Ibrahim Raisi, Oberster Richter und einer der möglichen Nachfolger von Revolutionsführer Ali Chamenei, Anweisung gegeben, Tausende von Corona-Toten durch das Ausstellen von gefälschten Totenscheinen zu vertuschen. Stattdessen sollen Krankheiten wie Herzversagen oder Lungenentzündung als offizielle Todesursache vermerkt werden.

Das Drücken der Todeszahlen diene dazu, die Inkompetenz, Unfähigkeit und das Missmanagement des Regimes zu verschleiern, meint Dabiran vom Widerstandsrat. Kritiker werfen dem Regime auch vor, viel Geld für Abenteuer im Ausland auszugeben, etwa im syrischen Bürgerkrieg und bei der Unterstützung von Terrororganisationen und Milizen in der Region, anstatt die Ressource im Land selbst einzusetzen. Ein Gesundheitssystem, das von Corona überwältigt wird, gibt diesem Vorwurf neue Nahrung.

Die Vertuschungsaktion der Mullahs ist aber nicht allein ein Gesundheitsrisiko für die Iraner, sondern auch für andere Länder. Wie WELT aus westlichen Sicherheitskreisen erfuhr, sind in den letzten zwei Märzwochen etwa 50.000 Iraner nach Südostasien, Europa oder Kanada ausgereist. Etwa 1000 davon sind nach Deutschland eingereist, 900 nach Großbritannien, andere auch nach Spanien oder Frankreich.

Deutschland hatte erst am 1. April angekündigt, Flugreisen aus dem Iran zu unterbinden, obwohl das Land schon seit Längerem als Hochrisikoland bekannt war. Reisende aus dem Iran sollen in mindestens zehn Ländern weltweit zur Ausbreitung des Virus beigetragen haben.

Westliche Sicherheitskreise verzeichneten in den vergangenen Wochen einen deutlichen Anstieg der Ausreisen aus dem Iran, etwa über den internationalen Flughafen in Teheran. Es ist unklar, ob es sich hier um eine bewusste Politik des Regimes handelte. Oder ob einfach viele Iraner Angst haben, dass das Regime die Krise nicht unter Kontrolle bekommt. Der Anstieg der Ausreisen fällt zusammen mit den iranischen Neujahrferien.

Von Clemens Wergin

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