Iran-Spring
Iran 10-02-2026

Ohne Mullahs, ohne Sohn vom Schah

Ohne Mullahs, ohne Sohn vom Schah

 

Von Nico Preikschat

Stand: 07.02.2026, 17:50 Uhr

 

https://www.tagesspiegel.de/berlin/ohne-mullahs-ohne-sohn-vom-schah-tausende-demonstrierten-in-berlin-fur-einen-anderen-iran-15228863.html

 

Tausende demonstrierten in Berlin für einen anderen Iran

 

Am Samstagnachmittag demonstrierten Tausende Menschen durch Berlin-Mitte. Sie bezeugten ihre Solidarität mit dem iranischen Volk und wollten den Druck auf europäische Regierungen erhöhen.

 

Gibt es eine demokratische Zukunft für den Iran? Der Wunsch danach hat am Samstag jedenfalls Tausende am Brandenburger Tor zusammengeführt. Bis zu 10.000 schätzte die Berliner Polizei in der Spitze. Viele von ihnen waren Exil-Iraner. Sie einte nicht nur die Gegnerschaft zum Mullah-Regime. Auch in der staatlichen Ordnung vor der fundamentalistischen Revolution von 1979 sehen sie keine Lösung für ihre Heimat.

Die Demonstration richtete sich „gegen jede Form der Diktatur im Iran“, sagte Sahar Sanaie, Mitorganisatorin des Protests, dem Tagesspiegel. Damit stellte sie sich auch gegen eine Rückkehr des Schah-Sohns an die Macht. „Reza Pahlavi ist kein Hoffnungsträger, er ist ein Opportunist, der sich auf die Welle der Freiheitsbewegung draufgesetzt hat“, sagte Sanaie. Er habe sich zudem auf Kosten des iranischen Regimes bereichert. Natürlich könne Pahlavi in freien Wahlen im Iran kandidieren, aber er habe keinen Anspruch auf die Macht geerbt.

 

Mit der Demonstration sollte Solidarität mit dem seit Jahrzehnten vom Mullah-Regime brutal unterdrückten iranischen Volk bekundet werden. Außerdem sollte so Druck auf die europäischen Regierungen ausgeübt werden, gegen das Regime vorzugehen. Bei der jüngsten Protestwelle im Iran waren Tausende Regimegegner getötet worden.

 

Zu den Forderungen der Veranstalter zählte die Schließung aller Teheraner Botschaften in der EU. Zudem forderten sie, den Obersten Führer Ali Khamenei wegen der tausenden toten Demonstranten vor einem internationalen Gericht anzuklagen. Zu den Mitorganisatoren zählte der in Paris ansässige Nationale Widerstandsrat Iran.

Laut dem Deutschen Solidaritätskomitee für einen freien Iran wurde die Demonstration von insgesamt 312 iranischen Vereinen aus mehreren europäischen Ländern getragen. Ein Meer von iranischen Flaggen wehte kurz vor Beginn vor dem Brandenburger Tor. Viele Menschen trugen gelbe Westen mit der Aufschrift „Free Iran“.

 

 

„Ihr seid der Widerstand des 21. Jahrhunderts“, rief der frühere belgische Premierminister und ehemalige Chef des Europäischen Rates, Charles Michel, den Demonstranten zu. Sie seien nicht allein, versprach er. „Eure Seite ist unsere Seite und eure Zukunft muss unsere gemeinsame Zukunft werden.“ Europa habe seine Lektion gelernt: Es sei eine Illusion gewesen, dass sich das Regime durch Reformen verändern werde. Zu schweigen bedeute, sich zu Tätern zu machen. „Gibt es eine Alternative?“, fragte Michel die Teilnehmer dreimal. Er meinte eine Alternative sowohl zum Schah- als auch zum Mullah-Regime. „Ja“, schallt es zurück.

Michel war nicht der einzige prominente Teilnehmer. Der ehemalige Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sprach die „lieben iranischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Deutschland“ direkt an. „Sie gehören zu uns“, rief er mit fester Stimme. „Wir werden alles tun, damit Ihr Kampf Erfolg hat“, versprach Altmaier. „Es gibt auf der ganzen Welt kein anderes Land, das seine eigenen Bürgerinnen und Bürger so schrecklich behandelt wie das Mullah-Regime im Iran.“ Alle Hoffnungen auf eine Reform dieses Regimes hätten sich als falsch erwiesen.

 

 

Danke-Sprechchöre für Altmaier

 

Auch der ehemalige Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sprach zu den Teilnehmern.

 

„Es kann im Iran keinen Frieden und keine Freiheit geben, solange das Mullah-Regime existiert“, sagte Altmaier. Deshalb brauche es einen „Regimewechsel“. „Bravo“, rief jemand. Die Rede des ehemaligen Kanzleramtsministers kam im Publikum gut an, anders als Michel erntete er mehrmals großen Applaus. „You shall overcome – Sie werden gewinnen“, rief Altmaier gegen Ende den Demonstranten zu. Auf seine Rede folgen „Dankeschön“-Sprechchöre.

 

„Ihr habt keinen Platz in dieser Welt“, rief die FDP-Politikerin und ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Mullahs zu. „Dieses Regime muss isoliert werden.“ Auch sie gab der Menge ein Versprechen: „Wir vergessen nicht, was im Iran passiert.“

 

Auch von der anderen Seite des Atlantiks kam an diesem Nachmittag Unterstützung für die Demonstranten. So Gott wolle, sagte Mike Pompeo, der zwischen 2018 und 2021 als Außenminister unter Donald Trump diente, in einer Videobotschaft, werde das iranische Volk bald frei sein. Das sei auch im Interesse der USA. „Thank you, thank you“, wurde nach seiner Rede gerufen.

Eine Frau als Präsidentin?

 

Als erste Rednerin hatte sich die Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran, Maryam Rajavi von der Bühne an die Menge gewandt. Viele Teilnehmer hielten Plakate mit ihrem Gesicht in die Höhe. Rajavi, so erklärte es ein Teilnehmer, solle aus seiner Sicht als Übergangspräsidentin dienen, sobald das Mullah-Regime gestürzt sei. „Aber nur solange, bis das iranische Volk einen neuen Vertreter gewählt hat“, erklärte er. Rajavi sprach Persisch, eine englische oder deutsche Übersetzung gab es nicht. Während ihrer Rede brandete immer wieder Applaus auf. Rajavi wirkte zwischendurch sichtlich gerührt, sie schien Tränen zurückzuhalten. Nach Rajavis Rede wurde die iranische Nationalhymne gesungen. Der Applaus im Anschluss war groß.

 „Wir brauchen eine demokratische Republik“

 

Was für eine Zukunft für den Iran stellen sich die Demonstranten vor, sollte das Regime fallen? „Wir brauchen eine demokratische Republik“, sagte Reza, ein Mann mittleren Alters. Es brauche freie Wahlen und ein Vielparteiensystem, „eben alles, was Europa hat“. Auch die Todesstrafe müsse abgeschafft werden.

 

Er sei für diese Demonstration aus Norwegen angereist, erzählte Reza. Eines ist aus seiner Sicht ganz klar: Der älteste Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, sei keine Alternative zum Mullah-Regime, er vertrete nicht das iranische Volk. „Sein Vater war ein Diktator, sein Großvater auch“, sagte Reza. „Niemals hat er deren Verbrechen verurteilt.“

 

Auch andere Demonstranten waren von weit her angereist, um an diesem Tag in Berlin dabei sein zu können. Keivan Najib, der eine „Free Iran“-Mütze trägt, ist aus Belgien gekommen. Er habe Verwandte im Iran, einige davon hätten an den jüngsten Protesten teilgenommen. Er sei im Iran aufgewachsen und im Alter von 33 Jahren nach Belgien ausgewandert.

 

Vom Schah-Sohn hält der Mann, wie so viele hier, überhaupt nichts. „Wenn das Schah-Regime damals gut funktioniert hätte, wieso hätten die Iraner dann eine Revolution gebraucht?“, fragt er. Die Schah-Dynastie nennt er „faschistisch“. Dass mit Rajavi eine Frau an der Spitze des Widerstands stehe, ist aus seiner Sicht „so wichtig“.

 

Nach zahlreichen Reden setzte sich gegen 15.45 Uhr der „Freiheitsmarsch“ in Bewegung, angeführt von den Trommlern, die sich bereits zu Beginn der Kundgebung lautstark bemerkbar gemacht hatten. „Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg“, riefen die Teilnehmer. Manche Sprechchöre wurden in einer anderen Sprache skandiert, vermutlich Persisch.

 

Der Großteil der Teilnehmer schien der iranischen Exil-Gemeinde anzugehören. Es kamen aber auch Menschen, die keinen direkten Bezug zum Land haben. Brigitte Knopf und ihre Begleiterin Margrit zum Beispiel. Beide erzählen, dass sie zum ersten Mal bei einer Iran-Demonstration sind.

Brigitte Knopf und ihre Begleiterin Margrit waren mit den gelben Mützen und Schals mit der Aufschrift „Free Iran“ ausgestattet, die sehr viele Teilnehmer trugen. Ein Verein habe diese Accessoires vor Beginn der Demonstration verteilt, erzählen sie. 

 

Magrit zeigte sich erstaunt über die Rolle, die der Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran, Maryam Rajavi, zukommt: „Die wollen eine Frau als Regierende, während das Regime selbst von Männern durchsetzt ist.“ Sie spreche kein Persisch, aber die Reden, die sie verstanden habe, hätten ihr gefallen. Sogar die von Peter Altmaier, für den Margrit hörbar keine große Sympathie hegte. „Der hat die Demonstranten echt unterstützt“, sagte sie. „So eine Rede hätte er ruhig mal früher halten können, als er noch was zu sagen hatte“, warf Knopf ein.

 

Auch Leonard Sehmsdorf war zum ersten Mal bei einer Iran-Demonstration dabei. An einem Stand vor der Technischen Universität Berlin sei dafür geworben worden, erzählt er. Außerdem habe er eine Freundin, die aus dem Iran nach Deutschland geflohen sei. Ihn bewege, „was ich in den Nachrichten über den Iran höre, wie schlimm die Situation dort ist“, sagt Sehmsdorf. Dass so viele Menschen gekommen seien, habe ihn positiv überrascht.

 

Die Polizei begleitete die Demonstration mit 380 Einsatzkräften.