„Er verblutete, weil niemand helfen durfte“ – Demo in Berlin prangert Gewalt im Iran an
07.02.2026, 21:23 Uhr
Bei der Kundgebung „Freiheit für Iran“ fordern Tausende das Ende des Mullah-Regimes. Angehörige von getöteten Iranern berichten von der Brutalität der Revolutionsgarden.

Nasrin Sabagh und ihr Mann Massoud Dousti zeigen das Foto ihres getöteten Neffen Human.
Zwischen den vielen Menschen, die an diesem Sonnabend auf der Straße des 17. Juni in Berlin die iranische Fahne schwenken, stehen Nasrin Sabagh und ihr Mann Massoud Dousti. Statt einer Fahne, halten sie das Foto eines jungen Mannes in den Händen, das Bild ihres Neffen Human.
Der 37-jährige Wirtschaftsingenieur, der erst vor drei Jahren geheiratet habe, sei, so sagt es Nasrin Sabagh, Anfang Januar bei den landesweiten Protesten gegen das iranische Regime in der iranischen Stadt Lahidschan angeschossen worden. Er starb nach ihren Worten, weil die Revolutionsgarden keine Rettung zuließen. Zwei Stunden lang. Human Sabagh verblutete.
Die 67-jährige Nasrin Sabagh erzählt an diesem Tag mit Tränen in den Augen von ihrem Neffen. Sie habe erst zehn Tage später in Westdeutschland, wo sie und ihr Mann seit 1983 leben, von Humans Tod erfahren. Er sei der Sohn ihres Bruders gewesen. „Das Internet und Mobiltelefone funktionierten während der jüngsten Proteste lange Zeit nicht im Iran“, sagt sie.
Nasrin Sabagh berichtet, dass Humans Eltern sogar noch für die Munition hätten zahlen müssen, mit der der Sohn erschossen worden sei. Sonst hätten sie seine Leiche nicht ausgehändigt bekommen. Energisch wischt sie sich die Tränen weg und erklärt: „Das barbarische Regime im Iran muss weg.“
340 internationale Organisationen sowie Persönlichkeiten aus der Politik unterstützen die Demonstration „Freiheit für Iran“, zu der 100.000 Menschen erwartet wurden. Sie soll nach Angaben der Organisatoren die Protestierenden im Iran unterstützen, die sich im Januar gegen das Mullah-Regime erhoben haben.

Ende Dezember hatte eine starke Wirtschaftskrise die Proteste im Iran ausgelöst, die sich Anfang Januar zu politischen Demonstrationen gegen das autoritäre Herrschaftssystem entwickelten. Gewaltsam wurden diese Proteste niedergeschlagen, es gab Tausende Tote. Genaue Zahlen liegen nicht vor.
100.000 Demonstranten sind es an diesem Sonnabend nicht in Berlin. Die Polizei spricht gegen 16 Uhr von rund 10.000 Teilnehmern. Der Zuzug halte an, heißt es. Vom Veranstalter gibt es bis zum späten Nachmittag noch keine Teilnehmerzahlen.
Auch ukrainische Flaggen sind vereinzelt zu sehen
Viele der Kundgebungsteilnehmer schwenken iranische Flaggen, tragen gelbe Mützen oder gelbe Westen mit der Aufschrift „Free Iran“. Auch ukrainische Flaggen sind vereinzelt zu sehen.
„Es ist eine Solidaritätskundgebung für die Menschen in unserer Heimat, die gegen das Regime aufbegehren, aber auch eine Demonstration gegen monarchistische Strömungen“, sagt Reza Rouchi, einer der Organisatoren der Großdemonstration. Er erklärt auch, dass jede Veränderung im Iran von innen kommen müsse – nicht etwa durch ein amerikanisches Eingreifen.

Amid Amiry zeigt die Fotos der getöteten Amin Heydari (l.) und Ramin Asadifav.
Rouchi erzählt, dass bei den jüngsten Protesten im Iran gerade junge Leute dabei gewesen seien, um sich gegen das Mullah-Regime aufzulehnen. „Sie haben keine Perspektive in dem Land und sind bereit, dafür den höchsten Preis zu zahlen: ihr Leben“, sagt der 63-Jährige. Nach seinen Worten hätten Anfang Januar viele junge Iraner ihr Testament geschrieben, um dann auf die Straße zu gehen.
Rouchi selbst kam 1989 für ein Jurastudium nach Frankfurt am Main. Er sei damals schon politisch aktiv gewesen, konnte nicht mehr zurückkehren, sagt er. Deutschland sei seine zweite Heimat geworden. Er sei dankbar, dass er hier Schutz gefunden habe. Aber die Sehnsucht nach seiner Heimat lasse ihn nicht los.
Als Gisoo Shakeri, eine in Schweden lebende iranische Menschenrechtsaktivistin und Sängerin auf die Bühne tritt, jubelt die Menge.
Die Begeisterung wird nur noch getoppt vom Auftritt der Präsidentin des im Iran verbotenen Nationalen Widerstandsrates, Maryam Rajavi. Ihre Rede von der Bühne an die Demonstranten endet mit dem tausendfachen Ruf „Tod, Tod Chamenei“. Nasrin Sabagh, die das Bild ihres Neffen hochhält, ruft: „Sie ist unsere Hoffnung.“
Etwas abseits steht Amid Amiry. Er trägt in jeder Hand ein Porträtfoto. Das eine zeigt Ramin Asadifav, das andere Amin Heydari. „Die beiden jungen Männer wurden bei den jüngsten Protesten getötet“, sagt der 61-jährige Amiry. Ramin habe Verletzten in Karadsch, einer Großstadt im Iran, helfen wollen. Der Familienvater sei dabei selbst angeschossen worden. Mitglieder der Revolutionsgarden hätten ihn danach mit Schlagstöcken getötet. „Mein Bruder war Augenzeuge, er ist mit Ramin aufgewachsen. Seitdem ist er traumatisiert, kann nicht mehr sprechen“, berichtet Amiry.
Reza Rouchi hat die Demo organisiert
Amin Heydari, ein 30 Jahre alter Verwandter, starb demnach am selben Tag bei einer Demonstration. Er sei mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet worden.
Amiry kam nach eigenen Worten als Verfolgter des Regimes vor 38 Jahren nach Deutschland. Seine Familie habe wegen seines politischen Engagements viel durchmachen müssen. „Meine Schwester wurde im Iran entlassen, mein Vater kam in Gewahrsam.“ Für ihn sind die Mullahs am Ende. Dass die Revolutionsgarden endlich auf der Terrorliste der Europäischen Union stehe, komme in seinen Augen zu spät. „Aber immerhin.“
Bahar ist 21 Jahre alt und mit Freundinnen aus Hannover nach Berlin gekommen. Sie trägt eine der gelben Mützen mit dem Schriftzug „Free Iran“. Vor einigen Jahren flohen ihre politisch aktiven Eltern nach Deutschland, erzählt sie. An das Land selbst habe sie kaum noch Erinnerungen. Noch immer aber lebten viele Verwandte in ihrer Heimat. „Und ich würde sehr gerne wieder zu meinen Wurzeln zurückkehren“, erzählt sie.