Die Rheinfpalz: Exil-Iraner protestieren: Schah-Sohn soll Freiheitspreis entgegennehmen
23. Oktober 2026 - 14:07 Uhr
Auszeichnung der Friedrich-Naumann-Stiftung
Exil-Iraner protestieren: Schah-Sohn soll Freiheitspreis entgegennehmen
Der Schah-Sohn Reza Pahlavi spaltet die Exil-Iraner, wie auch die Debatte um den Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt: Während sich seine Anhänger Pahlavi als starken Mann im Iran wünschen, kritisieren viele Iraner, dass er sich nicht von den Gräueltaten des System seines Vaters distanziert hat.Foto: IMAGO/Anadolu Agency
Simon Müller
Reza Pahlavi soll einen Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung stellvertretend für das iranische Volk entgegennehmen. Viele Exil-Iraner kritisieren die Entscheidung.
Spricht Mohammad Ali Elahi vom 8. September 1978, kämpft der ältere Mann sofort mit den Tränen. Der heute 81-Jährige war damals auf dem Jaleh-Platz in Teheran, als die „Gard-e Javidan“, die Ewige Garde des Schahs, auf Tausende friedlich demonstrierende Regimegegner schoss. „Die Garde des Schah-Regimes war für ihre Brutalität bekannt“, sagt Elahi. „Sie eröffneten mit Maschinengewehren das Feuer auf die Menschenmassen. Ich musste mit eigenen Augen sehen, wie junge Frauen und Männer blutüberströmt auf der Straße zusammenbrachen und starben.“
Anders als Hunderte andere überlebte Elahi das Massaker. Es wurde zu einem Wendepunkt in der Geschichte des Iran und zu einem entscheidenden Katalysator für den Sturz von Schah Mohammad Reza Pahlavi. Obwohl das Blutbad auf dem Jaleh-Platz bald 50 Jahre zurückliegt, ist es für Elahi gerade wieder sehr gegenwärtig: Denn der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, soll am 7. November in der Frankfurter Paulskirche den bekannten Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung entgegennehmen – treuhänderisch für das iranische Volk, wie die Stiftung erklärt. „Die Nachricht hat die Bilder der Getöteten wieder aufleben lassen. Das iranische Volk verdient diesen Freiheitspreis. Dass aber der Sohn eines monarchistischen Diktators ihn entgegennehmen soll, macht mich fassungslos“, sagt Elahi.
Offene Briefe an Stiftung
Zahlreiche Exil-Iraner in Deutschland und anderen Teilen der Welt, die während der Schah-Zeit verfolgt, unterdrückt oder gefoltert wurden, protestieren gegen die Auszeichnung und erwarten die Ausladung Pahlavis. 306 iranische Vereinigungen aus Europa, den USA, Kanada und Australien, darunter 70 Verbände aus Deutschland, haben einen offenen Protestbrief an die Friedrich-Naumann-Stiftung geschrieben. Hinzu kommt ein zweiter Brief politischer und gesellschaftlicher Persönlichkeiten aus Deutschland, die an die Stiftung appellieren, den Preis nicht an Pahlavi zu übergeben - unter anderem unterschrieben von Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der evangelischen Theologin Margot Käßmann und dem Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik, Lars Castellucci (SPD), aus dem Wahlkreis Rhein-Neckar.
Die Unterzeichner sehen einen Widerspruch zum Anliegen des Preises. Sie kritisieren vor allem, dass sich Reza Pahlavi, der seit 1979 überwiegend in den USA im Exil lebt, nie von den Gräueltaten des Systems seines Vaters distanziert habe. „So jemand darf doch für das iranische Volk keinen Freiheitspreis entgegennehmen“, sagt Elahi. Der Iraner war einer von Tausenden, die während des Schah-Regimes Repressionen ausgesetzt waren und durch die berüchtigte Geheimpolizei des Schahs, die SAVAK, in Gefangenschaft gerieten.
Brutale Folterungen unter der Herrschaft des Schah
Bei Mohammad Ali Elahi begann alles im Jahr 1972. „Damals war ich 27 und Verkaufsdirektor bei einem Pharmaunternehmen in Teheran“, erzählt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Fünf vermummte Männer hätten ihn bei der Arbeit festgenommen und später in eine Haftanstalt der SAVAK nach Maschhad gebracht. Der Grund: Er hatte Flugblätter und Bücher der Volksmudjahedin verteilt, einer damals vor allem von Studenten getragenen Oppositionsgruppe. „Das wurde als terroristische Aktivität eingestuft, weil andere politische Kräfte im Schah-Regime nicht agieren durften“, erklärt der studierte Mathematiker.
Mohammed Ali Elahi hat unter Repressionen des Schah-Regimes im Iran gelitten.Foto: Privat/oho
Die Folterungen im Gefängnis waren brutal. „Ich wurde an ein Bett gefesselt, meine Gliedmaßen wurden fixiert, und sie schlugen ständig auf mich ein. Sie wollten wissen, woher ich die Flugblätter hatte“, sagt Elahi. Er schwieg. „Sie peitschten mich aus, strangulierten meine Füße und drückten Zigarettenstummel auf meinem Körper aus. Die Narben trage ich bis heute“, erzählt er. Schlimmer als die eigene Folter seien jedoch die quälenden Schreie der anderen Insassen gewesen.
Vier Monate lang wurde er in Isolationshaft brutal gefoltert, dann in ein anderes Gefängnis verlegt. Insgesamt war er fünf Jahre in verschiedenen Anstalten inhaftiert, ehe er freigelassen wurde. „Aber auch danach konnte ich kein normales Leben führen, weil ich unter ständiger Beobachtung der SAVAK stand und jederzeit mit weiteren Repressionen rechnen musste.“
Entsetzen über Preisvergabe
Nach der Islamischen Revolution 1979, an der Elahi auf Seiten der Volksmudschahedin kämpfte, wurde er auch von den neuen Machthabern verfolgt. Seitdem regieren die Mullahs in einem klerikalen autoritären System, das ebenso Minderheiten und Regimekritiker systematisch unterdrückt. Elahis Frau wurde von Revolutionsgardisten der Mullahs erschossen, seine zweieinhalbjährige Tochter wuchs bei der Großmutter auf. Elahi lebte 15 Jahre im Untergrund und konnte 1995 nach Deutschland fliehen.
„Er distanziert sich nicht von den Verbrechen des Unrechtsstaats seines Vaters.“
– Mohammed Ali Elahi, Exil-Iraner
Dass ausgerechnet der Sohn des Schahs nun einen Freiheitspreis entgegennehmen soll, schockiert den 81-Jährigen. „Reza Pahlavi lebt seit Jahrzehnten in Los Angeles im Luxus, finanziert durch Vermögen, das dem iranischen Volk entzogen wurde. Er distanziert sich nicht von den Verbrechen des Unrechtsstaats seines Vaters. Das macht ihn für mich mitverantwortlich“, betont Elahi. Ein demokratischer Wandel erfordere die Aufarbeitung der Verbrechen früherer Diktaturen. „Ich plädiere dafür, den Preis für das iranische Volk so lange aufzubewahren, bis es eine demokratisch gewählte Vertretung dieses Volkes gibt“, betont er.
Fehlende Distanz zum Schah-Regime?
Die Entscheidung, Pahlavi den Freiheitspreis entgegennehmen zu lassen, sei ein Eklat, meint die Exil-Iranerin Sahar Sanaie. Die 40-Jährige ist Sprecherin der Gesellschaft von Deutsch-Iranern (GDI), die sich für einen demokratischen Iran einsetzt. „Reza Pahlavi wurde nicht vom iranischen Volk gewählt. Dass ausgerechnet er als symbolischer Vertreter des Volkes auftreten soll, empfinden viele von uns als politischen und moralischen Skandal“, sagt Sanaie, die als Fünfjährige mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem Iran nach Deutschland floh.
Exil-Iraner vor dem Brandenburger Tor bei einer Demo fordern einen Regime-Wechsel.Foto: The Media Express/S.Hosseini/oho
Pahlavi distanziere sich nicht von der Herrschaft seines Vaters, spalte die Opposition gegen das Mullah-Regime und habe im Iran keine messbare Basis, sagt sie. „Pahlavi verfügt im Iran über keinerlei Organisationsstruktur. Er mag einige monarchistische Sympathisanten haben, aber kein Netzwerk, das den Protest im Land koordinieren und mobilisieren könnte.“ Wenn europäische Institutionen Pahlavi eine besondere Bühne böten, „dann verstehen das viele Iraner als Versuch, uns von außen eine Führungsperson vorzugeben und die vielfältigen Stimmen der iranischen Gesellschaft zu übergehen“, erklärt Sanaie.
Stiftung verteidigt Auswahl Pahlavis
Die Friedrich-Naumann-Stiftung sieht das anders. Sie erhalte viele Reaktionen auf den Freiheitspreis. Einige seien kritisch, die Mehrheit jedoch positiv. „Wir zeichnen bewusst das iranische Volk aus und keine einzelne Person oder Gruppe. Reza Pahlavi nimmt den Preis treuhänderisch entgegen, bis frei gewählte Vertreterinnen und Vertreter des iranischen Volkes ihn selbst entgegennehmen können“, teilt die Pressestelle der Stiftung auf RHEINPFALZ-Anfrage mit.
Pahlavi habe sich klar zu Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie im Iran sowie zur Aussöhnung in der Region und zum Frieden mit Israel bekannt. Öffentliche Veranstaltungen mit ihm in Europa würden laut der Stiftung zudem große Unterstützung unter Exil-Iranern zeigen. Pahlavi sei „nach Ansicht vieler momentan auch für viele Iraner – wahrscheinlich die Mehrheit – im Iran die wichtigste politische Identifikationsfigur“, heißt es in der offiziellen Begründung der Stiftung. Deshalb gebe es derzeit keine Überlegungen, den Preis kurzfristig doch nicht an den Sohn des Schahs zu übergeben.
Für Mohammad Ali Elahi hat der Freiheitspreis dadurch seine Wertigkeit verloren. Sein Kampf für einen freien Iran geht aber selbstverständlich weiter. „Ich will einen Iran, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind und Menschen verschiedener ethnischer Nationalitäten friedlich zusammenleben.“ Deshalb erzählt Elahi weiter, was er erlebt hat: damit die Opfer nicht vergessen werden und seine Hoffnung auf einen freien Iran nicht verstummt.