Iran-Krieg: Auch nach Abkommen mit USA wird Regime weiter Demonstranten hinrichten
„Vom Winde verweht“ titelt die iranische Zeitung Hamshari zum USA-Iran-Abkommen. © afp
Seit Jahresbeginn ließ das Regime über 40 Menschen töten. Das US-Iran-Abkommen wird daran nichts ändern. Doch junge Menschen der iranisch-deutschen Community versuchen, die Opfern des Terrorregimes sichtbar zu machen.
Frankfurt – Faktisch ist der USA-Iran-Krieg beendet, das Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran steht. Das Bombardement, unter dem auch die Zivilbevölkerung im Iran leidet, soll demnach eingestellt und eine 60-tägige Verhandlungsphase eingeleitet werden. Auch auf die Aufhebung von Sanktionen darf das Mullah-Regime nun hoffen. Doch um Menschenrechte für das unterdrückte iranische Volk oder die Freilassung politischer Gefangener geht es bei der Einigung nicht.
Sania Kohansal © Privat
Zur Person
Sania Kohansal (geb. 2003) ist Sprecherin des Vereins „Junge Stimmen für Freiheit“. Sie arbeitet als Freelancerin im Bereich Social Media und Content Creation.
Sania lebt seit ihrem 13. Lebensjahr in Deutschland. Sie engagiert sich für Menschenrechte, Demokratie und die Stimme der jungen Generation im Iran.
Dabei hat das Regime seit Jahresbeginn nach UN-Angaben mindestens 40 Menschen unter Verweis auf die nationale Sicherheit hingerichtet, darunter 18 Demonstranten. Jetzt wurden Dschawad Samani und Abolfasl Saedi hingerichtet, weil sie im Januar protestiert hatten. Die Begründung für die Urteile lautet: „Krieg gegen Gott“ und „Korruption auf Erden“. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk beklagte vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf, die Menschen im Iran seien „gefangen zwischen Krieg und brutaler Unterdrückung“.
In den Gefängnissen des Mullah-Regimes warten nach wie vor viele Jugendliche, Frauen und Männer, die während der Proteste im Iran im Januar und danach im Krieg verhaftet worden sind, auf ihre Urteile oder haben bereits ein Todesurteil erhalten.
Dass der Krieg für die Menschen im Iran etwas verbessert hat im Vergleich zur Zeit davor, ist nicht zu sehen. Im Gegenteil. Womöglich gibt ein Ende der Kampfhandlungen der inneriranischen Opposition und dem bewaffneten Widerstand Auftrieb. Im Netz kursieren Videos von Menschen, die vor Regierungsgebäuden, Einrichtungen der Revolutionsgarden und Behörden stehen und – so scheint es – im Stillen Präsenz zeigen. Es soll sich um Regimekritiker:innen handeln. Unabhängig verifizieren lassen sich diese Videos aber nicht.
Anfang Juni berichtete „Iran International“, ein regimekritisches exiliranisches Online-Medium, von anhaltenden Protesten von Schülerinnen und Schülern. „Iran International“ wird laut britischen Medienberichten unter anderem von saudischen Investoren finanziert. Radio Farda, das zu Radio Free Europe/Radio Liberty gehört, berichtete ebenfalls über Proteste, an denen Studierende beteiligt sein sollen. Die Demonstrationen in mindestens 20 Provinzen richten sich unter anderem gegen das iranische Zulassungssystem für Hochschulen. Die Vorgaben dafür macht der Oberste Rat der Kulturrevolution.
Oppositionelle, NGOs und Bildungswissenschaftler:innen kritisieren, dieses System ermögliche es primär Kindern aus wohlhabenden Elternhäusern zu studieren und Karriere zu machen. Bildungserfolg sei zunehmend käuflich und stehe vor allem Lernenden an Eliteschulen offen. Wohlhabend sind im Iran oft diejenigen, die dem Regime nahestehen oder von ihm profitieren. Eine Karriere, Zugang zum Arbeitsmarkt und der Weg aus der Armut stehen anderen Kindern und Jugendlichen im Iran seltener offen. Und die wirtschaftliche Not wächst weiter, die Inflation steigt und nicht wenige Menschen leiden Hunger.
Ohne Internet kein Online-Unterricht
Zudem hat der anhaltende Internetshutdown nicht nur Arbeitsplätze vernichtet, sondern auch dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche, die wegen des Krieges nicht mehr in Präsenz unterrichtet wurden, im Online-Unterricht durch technische Ausfälle zusätzlich beeinträchtigt waren. Bei den Schülerprotesten soll es laut Medien auch zu Verhaftungen gekommen sein.
Unterdessen setzten einige Iranerinnen und Iraner im Exil weiter alles daran, auf das Schicksal der Menschen im Land aufmerksam zu machen. So hat sich Ende 2025 in Berlin der Verein Junge Stimmen gegründet, der den Instagram-Account „Junge Stimmen der Freiheit“ betreibt. Dort wird etwa mit Bezug zur Fußball-WM darauf hingewiesen, dass im Iran bereits „zahlreiche Sportler verfolgt, inhaftiert, gefoltert und sogar hingerichtet (wurden), weil sie für Freiheit, Gerechtigkeit und die Rechte ihres Volkes eingetreten sind“.
Auch das Schicksal der Menschenrechtsanwältin Bahar Sahraian wird dort thematisiert, die Mitte Mai verhaftet wurde. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, sie habe Straftaten gegen die nationale Sicherheit begehen wollen. Und Ende Mai wurde das Todesurteil gegen die Aktivistin Zahra Tabaris wegen bewaffneten Aufstands von einem Gericht erneut bestätigt. Tabaris war im April 2025 verhaftet worden. Die Behörden des Regimes fanden bei ihr ein Stoffbanner mit der Aufschrift „Frau, Widerstand, Freiheit“, eine Abwandlung des Protestslogans „Frauen, Leben, Freiheit“, der den Volksmudschahedin zugeordnet wird. Die oppositionelle Gruppe hat Ende der 70er Jahre zusammen mit den Mullahs gegen das Schahregime gekämpft. Nach der Revolution wurden sie selbst von den Mullahs verfolgt.
Der gemeinnützige Verein wurde von jungen Aktivistinnen und Aktivisten mit iranischen Wurzeln gegründet, die sich für die Menschenrechte im Iran stark machen wollen. Laut Satzung geht es im Allgemeinen darum, politisch und religiös Verfolgten zu helfen, etwa durch Öffentlichkeitsarbeit und Demonstrationen, aber auch für Frauenrechte und Gleichstellung einzustehen. Manche der Aktiven sind Kinder von Volksmudschahedi. So wie Sania Kohansal aus Heilbronn, die den Verein „Junge Stimmen“ mitgegründet hat und als dessen Sprecherin fungiert.
„Wir wollten eine Plattform schaffen, um den Menschen im Iran eine Stimme zu geben“, erklärt die 23-Jährige im Gespräch mit der FR. Es gehe darum, auf Schicksale wie die von Sahraian oder Tabaris aufmerksam zu machen und den Iranerinnen und Iranern zu zeigen: Wir haben euch nicht vergessen. „Wir sehen so viele Videos und lesen so viele Briefe von Gefangenen, die dann hingerichtet werden. Wir müssen ihre Botschaften in die Welt hinausschreien und die Welt dazu bringen, ihnen zuzuhören.“
Viele derjenigen, die in den vergangenen Wochen hingerichtet wurden, sind noch sehr jung, auch jünger als Kohansal. Das sei nur sehr schwer auszuhalten, sagt die Aktivistin. „Das sind Menschen, die Familie, Träume und die Hoffnung auf ein besseres Leben hatten. Diese Generation Z hat die Nase voll von dieser Diktatur. Sie möchte das Regime abschaffen. Sie möchte Veränderung.“ Dass das Regime derart junge Menschen hinrichten lasse, zeige, wie schwach es sei, sagt sie.
Sania Kohansal kam mit 13 Jahren gemeinsam mit ihrem Vater nach Deutschland. Der war 1981 als 16-Jähriger in politischer Haft des Mullah-Regimes. Ein großer Teil ihrer Familie lebt aber weiter im Iran. Seit zehn Jahren hat die junge Frau ihre Mutter und ihren Bruder nicht mehr gesehen. „Ich habe mich dafür entschieden, politisch aktiv zu sein und mich für die Menschen im Iran starkzumachen. Ich hoffe, ihnen so langfristig helfen zu können.“ Würde sie in das Land einreisen, könnte sie verhaftet werden.
Kohansal berichtet, dass der Account „Junge Stimmen der Freiheit“ schon der zweite auf Instagram sei. Der erste sei der Plattform im Vorfeld einer dort angekündigten Demonstration für Menschenrechte im Februar so oft gemeldet worden, dass er gesperrt wurde. Den schützenden blauen Haken habe der Account des neugegründeten Vereins da noch nicht gehabt. Sie vermutet das Regime oder andere Gruppen der exiliranischen Opposition hinter dem Angriff. Auch Bedrohungen gebe es immer wieder.
Geheimdienst verfolgt Opposition auch im Exil
Dass dem iranischen Regime derlei Öffentlichkeitsarbeit der Exiliranerinnen und -Iraner tatsächlich ein Dorn im Auge ist, zeigen die zahlreichen Angriffe iranischer Geheimdienste, über die die FR schon mehrfach berichtet hat. Seit Jahren warnt der Bundesverfassungsschutz vor Versuchen, weltweit im Ausland lebende Regierungsgegnerinnen und -gegner „rücksichtslos“ zu bekämpfen – auch im digitalen Raum. Und auch über Angriffe auf Journalist:innen oder Oppositionelle durch Menschen, die Reza Pahlavi anhängen, Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi, ist vielfach berichtet worden – zuletzt im ARD-Politmagazin „Kontraste“.
In Deutschland, sagt Kohansal, habe sie die Möglichkeit, mit der Presse zu sprechen und ihre Meinung zu sagen. „Hier wird man nicht hingerichtet, hier wird man nicht in Gefängnissen gefoltert oder vergewaltigt, hier wird man nicht auf offener Straße erschossen, wenn man demonstriert.“ Deshalb fahren sie und ihre Mitstreiter:innen an diesem Samstag auch zur Demonstration der iranischen Exilopposition auf der Place Vauban in Paris, zu der Zehntausende Teilnehmende erwartet werden. Zu den zahlreichen Gastrednern aus Politik, Sport und Gesellschaft soll auch Charles Michel gehören, der frühere belgische Premierminister und Präsident des Europäischen Rates.
Laut Mitteilung sollen „mehr als 300 iranische Vereine und Organisationen aus Europa und Nordamerika“ an der Organisation beteiligt gewesen sein. Die deutsch-iranische Jugend um Sania Kohansal will die Gelegenheit nutzen, sich dort mit den Aktivistinnen und Aktivisten weiterer europäischer und internationaler Jugendgruppen zu vernetzen und auszutauschen. Und sie wollen mit Blick auf das Abkommen zwischen den USA und Iran deutlich machen, dass „dieses Regime aufgrund seiner Natur nicht Teil einer friedlichen Lösung sein kann“. Frieden und Stabilität im Nahen Osten, sagt die 23-Jährige, kann es nur ohne die Mullahs und auf der Grundlage des Zehn-Punkte-Plans des Nationalen Widerstandsrates Iran geben. Das ist eine Oppositionsgruppe im Exil, die maßgeblich von Volksmudschahedin getragen wird und ihren Sitz in Paris hat. Sie fordert unter anderem einen säkularen Staat ohne Atomwaffen, eine unabhängige Justiz oder die „Autonomie des iranischen Kurdistans“.
https://www.fr.de/politik/iran-krieg-auch-nach-abkommen-mit-usa-richtet-regime-weiter-demonstranten-hin-94357741.html