Iran-Spring
Medien 01-11-2026

Berliner Zeitung: Freiheitspreis der Naumann-Stiftung an Schah-Sohn: Die Kritik reißt nicht ab

Berliner Zeitung: Freiheitspreis der Naumann-Stiftung an Schah-Sohn: Die Kritik reißt nicht ab
 Anhänger von Reza Pahlavi bei einer Demonstration in London im September. © Avalon.red/imago

 

31.10.2026

Iran
Freiheitspreis der Naumann-Stiftung an Schah-Sohn: Die Kritik reißt nicht ab
Die Verleihung des Freiheitspreises 2026 an den Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, in der Paulskirche bleibt heiß umstritten. Ein Gastbeitrag.


Martin Patzelt
 
Am 7. November will die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in der Frankfurter Paulskirche dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, stellvertretend und treuhänderisch für das iranische Volk ihren Freiheitspreis 2026 überreichen. Die Kritik daran reißt nicht ab. Hier ein Gastbeitrag von Martin Patzelt, früher Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) und bis 2021 Bundestagsabgeordneter und Iran-Berichterstatter im Menschenrechtsausschuss.
Wem würde ich den Freiheitspreis verleihen, wenn ich darüber entscheiden könnte? Diese Frage verdient eine ernsthafte Antwort. Ich würde ihn jenen Frauen und Männern widmen, die für ihre Freiheit nicht nur Worte gefunden, sondern einen hohen persönlichen Preis bezahlt haben: mit Jahren ihres Lebens in Gefängnissen, mit Folter, Verfolgung, dem Verlust ihrer Angehörigen – manchmal mit ihrem Leben.
Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe erlebt, was es bedeutet, wenn ein Staat seinen Bürgern elementare Freiheiten verweigert. 1989 engagierte ich mich im Neuen Forum. Die friedliche Revolution hat mir eine bleibende Erkenntnis vermittelt: Freiheit wird nicht von Mächtigen verschenkt. Sie wird von Menschen erkämpft, die den Mut haben, ihre Angst zu überwinden. Und sie bleibt nur bestehen, wenn die Menschen selbst über ihre Zukunft bestimmen können.
Auch deshalb beschäftigt mich die Entscheidung der Friedrich-Naumann-Stiftung, ihren Freiheitspreis 2026 dem iranischen Volk zu verleihen, ihn aber Reza Pahlavi, dem Sohn des früheren Schahs, treuhänderisch zu übergeben.


Gesicht des Widerstands
Die Ehrung des iranischen Volkes begrüße ich ausdrücklich. Doch die Auswahl des Empfängers halte ich für falsch.
Wer für die Freiheit Irans steht, sollte vor allem dort hinschauen, wo Menschen seit Jahrzehnten Widerstand leisten. Zu den politischen Gefangenen, die trotz drohender Hinrichtung nicht schweigen. Zu den Angehörigen der Opfer des Massakers an politischen Gefangenen von 1988, die bis heute Wahrheit und Gerechtigkeit verlangen. Zu den mutigen Frauen und Männern, die Demonstrationen organisieren und dafür Verhaftung, Folter oder Tod riskieren.
Ein Gesicht dieses Widerstands ist Maryam Akbari-Monfared, Mutter dreier Kinder. Sie wurde im April dieses Jahres nach mehr als 16 Jahren Haft entlassen, ohne während dieser Zeit auch nur einen einzigen Tag Hafturlaub erhalten zu haben. Vier ihrer Geschwister wurden in den 1980er-Jahren hingerichtet. Sie verlangte Aufklärung über deren Schicksal und widersetzte sich dem staatlich verordneten Schweigen.
Ist eine solche Frau nicht eine würdige Repräsentantin des Freiheitswillens, den die Stiftung auszeichnen möchte? Zwar bin ich überzeugt, dass die Ehrung eines Einzelnen dem iranischen Volk nicht gerecht würde. Trotzdem sage ich: Wenn ein Mensch den Preis stellvertretend erhalten sollte, dann könnte man ihn Maryam Akbari-Monfared verleihen – nicht weil sie für alle Iraner sprechen könnte, sondern weil ihr Lebensweg beispielhaft zeigt, welchen Preis Menschen für ihre Überzeugungen zahlen.
Natürlich höre ich den Einwand: Auch andere Oppositionsorganisationen sind umstritten und demokratisch nicht legitimiert. Das ist eine berechtigte Frage. Niemand sollte eine Organisation von Kritik ausnehmen. Auch jahrelanger Widerstand verleiht keinen Freibrief. Politische Programme, innere Strukturen und der Umgang mit Andersdenkenden müssen überprüfbar sein.
Aber daraus folgt nicht, dass wir auf der Suche nach einer vollkommen fehlerfreien Opposition ausgerechnet einen prominenten Machtbewerber zum Vertreter eines ganzen Volkes erklären sollten.
Für mich gelten zwei Maßstäbe: der tatsächliche Einsatz für Freiheit und die Bereitschaft, sich demokratischer Kontrolle zu unterwerfen. Wer Fehler macht, muss sie korrigieren können. Wer politische Verantwortung beansprucht, muss Kritik zulassen und die Macht begrenzen wollen. An diesen Maßstäben gemessen, sehe ich im Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI) eine verantwortungsbewusste Bewegung mit einem fortschrittlichen Aktionsprogramm für die Errichtung einer demokratischen und säkularen Republik.
An denselben Maßstäben gemessen, betrachte ich die politischen Vorstellungen Reza Pahlavis kritisch. Sein Übergangskonzept sieht weitreichende Befugnisse für eine Führungsfigur vor, noch bevor freie Wahlen stattgefunden haben. Das wirft grundlegende Fragen nach Gewaltenteilung und demokratischer Legitimation auf. Seine Unterstützer mögen darin eine pragmatische Übergangslösung sehen. Mich überzeugt das nicht.


Bekanntheit ist kein Kriterium
Auch die Hoffnung, eine ausländische Militärintervention könne die politische Zukunft Irans gewissermaßen von außen entscheiden, halte ich für gefährlich. Internationale Unterstützung ist wichtig. Sie muss jedoch den Menschen im Iran helfen, selbst handlungsfähig zu werden, statt sie zu politischen Zuschauern zu machen.
Die iranische Geschichte sollte uns eine Warnung sein. Sowohl die Schah-Diktatur als auch die heutige religiöse Herrschaft haben den Menschen ihre Selbstbestimmung verweigert. Zu viele Menschen haben ihr Leben verloren, als dass ihre Opfer nun den Weg für eine neue Konzentration unkontrollierter Macht ebnen dürften.
In meiner Antwort an die Friedrich-Naumann-Stiftung habe ich deshalb gefragt, weshalb Bekanntheit ein geeignetes Kriterium für die Entgegennahme dieses Preises sein sollte. Die Stiftung verweist auf Pahlavis Reichweite und seine vermeintlich integrierende Wirkung. Aber Medienpräsenz ist kein demokratisches Mandat. Und der Hinweis auf eine lediglich treuhänderische Rolle beseitigt nicht die politische Wirkung einer solchen Auszeichnung.
Besonders enttäuscht mich, dass die Stiftung die Einwände ehemaliger politischer Gefangener der Schah-Zeit und anderer Betroffener bislang nicht angemessen aufgegriffen hat. Gerade eine Stiftung, die Freiheit und Menschenrechte im Namen führt, sollte diesen Stimmen aufmerksam zuhören.
Persönliche Opfer
Mein Vorschlag ist einfach: Die Stiftung könnte den Preis stellvertretend durch eine pluralistisch zusammengesetzte Gruppe von Menschen entgegennehmen lassen, die für Freiheit im Iran persönliche Opfer gebracht haben – ohne ihnen damit ein politisches Vertretungsmandat zu verleihen. Oder sie bewahrt ihn selbst auf, bis das iranische Volk seine Vertreter frei wählen kann.
Wir Deutschen wissen aus eigener Geschichte: Freiheit braucht mutige Menschen, keine von außen bestimmten Erlöser. Die Aufgabe demokratischer Staaten ist es, solche Menschen zu schützen und zu unterstützen. Nicht, an ihrer Stelle über ihre politische Zukunft zu entscheiden.

Der Freiheitspreis gehört dem iranischen Volk. Und seine Zukunft gehört ihm allein. 

https://www.berliner-zeitung.de/article/freiheitspreis-der-naumann-stiftung-an-schah-sohn-die-kritik-reisst-nicht-ab-10543165